Nanotechnik bei Pneus
Seit über 50 Jahren träumen Physiker und Bioingenieure davon, Produkte herzustellen, die nur wenige Millionstel Millimeter groß sind. Die Nanotechnik soll dies ermöglichen. Immerhin: Nanotechnische Produkte wie die selbst reinigende Duschabtrennung, Fassadenfarben, denen "Sprayer" nichts anhaben können, oder Auto-Rückspiegel, die sich bei starker Lichteinstrahlung von selbst verdunkeln, sind bereits auf dem Markt. Könnten nicht auch die Reifenhersteller von dieser Technik profitieren? Die Antwort: Sie tun es seit hundert Jahren!
Klein, kleiner, Nano. Das Wort stammt vom griechischen "nannos" ab und bedeutet Zwerg. "Winzling" wäre vielleicht die bessere Übersetzung, denn ein Nanometer hat die Ausdehnung von einem Milliardstel Meter.
Schon in den Anfängen des industriellen Automobilbaus nutzten die Reifenhersteller die Nanotechnik — zu einer Zeit, als es den Begriff noch nicht gab. Denn die ersten Reifenentwickler stellten fest, dass die Zugabe von Industrieruß zum Gummigemisch den Rollwiderstand und den Abrieb deutlich vermindert. Rund 40 verschiedene Rußtypen entwickelten die Reifenhersteller seitdem. Und jeder Typ vermag dem Reifen ganz spezifische Eigenschaften zu verleihen. Doch erst mit der Erfindung des extrem hoch auflösenden Rastertunnel-Mikroskops zu Beginn der 1980er Jahre erkannten sie, mit welcher Stoffklasse sie hantierten: mit nanoskaligem Kohlenstoff. Im Ruß bildet der Kohlenstoff winzige Klumpen, die aus hundert bis einigen tausend Atomen bestehen: typische Nanoteilchen mit einer Größe von 10 bis 300 Nanometer. Zum Vergleich: Ein Frauenhaar hat einen Durchmesser von 25.000 Nanometer bzw. 0,025 Millimeter. Im Nanobereich bewegt man sich also in atomaren Dimensionen. Und genau das macht die besonderen Eigenschaften der Nanoteilchen aus: Durch die im Vergleich zum Volumen extrem große Oberfläche haben sie ganz andere physikalische und chemische Eigenschaften wie ihre Gegenstücke aus der Makrowelt.
Die drei wichtigsten Kenngrößen eines Sommerreifen sind: Haltbarkeit (geringer Abrieb), Sparsamkeit (geringer Rollwiderstand) und Haftung zur Straße (hoher Grip, hohe Rutschfestigkeit). Dabei stehen diese Eigenschaften in einem Zielkonflikt zueinander. Das heißt: Verbessert man eine Eigenschaft, so verschlechtert sich eine andere.
Durch die Steuerung des Prozesses der Nanostrukturierung bei der Herstellung von Industrieruß ist es gelungen, die oben genannten Kenngrößen gezielt zu optimieren. Mit "maßgeschneiderten" Ruß-Nanoteilchen lässt sich ein Sommerreifen weich machen und zugleich vor Abrieb schützen. Und seine Elastizität lässt sich erhöhen, ohne den Rollwiderstand zu vergrößern.
Aber die Reifenhersteller "nano-designen" heute nicht nur den Zusatzstoff Russ, sondern auch andere Zusätze wie Zinkoxid und Silika (Siliziumoxid). Sommerreifen, die mit neuesten Erkenntnissen aus der Nanoforschung optimiert wurden, zeigen beeindruckende Qualitäten: So reagieren Hochgeschwindigkeitsreifen auf Lenkbewegungen schnell und sicher, erlauben bei anspruchsvollen Fahrbedingungen ein präzises Handling, verändern ihre Eigenschaften auch bei krassen Temperaturschwankungen oder plötzlich einsetzendem Regen nicht. Zugleich weisen sie einen hervorragenden Grip, eine hohe Fahrstabilität und gute Aquaplaning-Eigenschaften auf. Und sind dabei auch noch Kraftstoff sparend, langlebig, leise und umweltfreundlich.
